Siddhartha

Siddhartha von Hermann Hesse (Teil 1)

Die Literatur der Jahrhundertwende ist unglaublich spannend. Ende des 19. Jahrhunderts öffnete sich der europäische Kulturkreis für Ansichten aus anderen Denksystemen. Nachdem Vivekananda (viveka = unterscheiden können) 1893 auf dem Parlament der Weltreligionen die Philosophie des Vedanta (seine Interpretation davon) vorgestellt hatte, beschäftigten sich die geistigen Vorreiter und künstlerischen Eliten in Europa auch mit dem Buddhismus und Hinduismus. Die Geschichte „Siddhartha“ von Hermann Hesse spiegelt das östliche Gedankengut so gut wider, dass sie in mehrere indische und asiatischen Sprachen übersetzt wurde und dort sehr erfolgreich war.

(Übrigens handelte meine Abitur-Abschlussarbeit vom „Märchen vom Korbstuhl“ von H. Hesse – mein Interesse für die Zeit und diesen Autor brachte mir damals den Scheffel-Preis für die beste Deutsch-Klausur ein.) 

Teil I: Zusammenfassung der Geschichte „Siddhartha“ von Hermann Hesse, geschrieben 1919-1922

Ein junger Bramahne mit Namen Siddhartha übt sich früh in den vedischen Künsten und er ist sehr lerneifrig und wissbegierig. Er lernt schnell und gut und übertrifft bald seine Lehrer. Wissend, dass diese ihm ihr bestes bereits gegeben haben, wird er zunehmend unzufrieden. Er sieht, dass sie sich ihr Leben lang den Lehren widmen und doch das ersehnte Ziel – die Erlösung – nicht erlangen.

So verlässt er sein Elternhaus und schließt sich den wilden Samanas (Asketen) an. Sein Ziel: leer werden – von Durst, von Wunsch, von Traum, Freude und Leid. Das „Ich“ zu überwinden um im innersten das große Geheimnis zu finden. Er lernt viel: den Atem zu sparen, den Herzschlag zu kontrollieren, sich in die Dinge der Welt hineinzuversetzen. Siddhartha schlüpft gedanklich und in jedes Tier von seiner Geburt bis zu seinem Tod und fühlt mit ihm. Er erlebt den Kreislauf des Lebens, tötet seine eigenen Sinne, seine Erinnerungen, seine Bedürfnisse.

Doch bald fragt er weiter: Was ist Versenkung, Verlassen des Körpers, Fasten, Anhalten des Atems anderes als eine weitere Flucht vor dem Ich, Betäubung gegen den Schmerz und die Unsinnigkeit des Lebens. So etwas kann man auch in der Kneipe finden. Nähern wir uns der Erkenntnis oder gehen wir vielmehr im Kreis? Wenn das Wissen in allem ist, ist nicht das Lernen/Wissenwollen selbst der ärgste Feind der Erkenntnis?

Siddhartha verlässt die Samanas und trifft auf einen erleuchteten Weisen. Er erkennt, dass dieser das höchste Ziel erreicht und Erlösung vom Tod gefunden hat. Er sieht aber auch, dass dies nicht durch eine noch so klare und einleuchtende Lehre erreicht wurde, sondern nur durch eigene Suche, auf eigenem Weg, durch Gedanken, Versenkung und eigene Erkenntnis. Das Geheimnis der Erleuchtung ist nicht durch Worte mitteilbar. Also setzt Siddhartha seine Wanderschaft fort und verlässt alle Lehrer und Lehren um sein Ziel allein zu erreichen.


Kommentar:

In diesem ersten Teil der Erzählung finden sich viele Aspekte wieder, die mir in der Yoga-Praxis begegnen. Der Wunsch nach Erweiterung des eigenen Horizonts, Lernen, Wissen, neue Erfahrungen – das ist mein ganz grundlegender, menschlicher Antrieb.

Auch die Übungen im Yoga, die Asanas (Körperübungen) in Verbindung mit Pranayama (Atemlenkung) und Meditation haben das Ziel, die Grenzen von Körper und Geist zu erfahren und vielleicht auszudehnen und zusammen mit dem Atem Zugang zu neuen Energien zu finden.

So hilfreich es auch ist, eine Yoga-Richtung zu finden, die mir gut tut, mich nicht verletzt sondern stärkt, so sehr bin ich auch immer auf mich selbst zurückgeworfen. Ich muss selbst meine Übungen machen und bestimme deren Intensität. Ich achte auf meinen Körper und seine Möglichkeiten und Beschränkungen. Beim Yoga lerne ich, die eigenen Grenzen zu respektieren oder vielleicht auch schwierigen Herausforderungen immer wieder zu begegnen, bis ich sie meistern kann. Wie meine Yogalehrerin Nicole Konrad immer wieder sagt: „Schau, wie Du Deiner Yoga-Praxis begegnest, so verhälst Du Dich auch dem täglichen Leben.“

Und nun noch einmal Hesse: „Suchen heißt: ein Ziel zu haben, finden heißt: frei sein, offen sein, kein Ziel haben. Wissen kann man mitteilen, Weisheit nicht. Man kann sie finden, kann sie leben, kann von ihr getragen werden.“

In manchen Yoga-Stunden als Teilnehmer oder auch als Lehrer fühle ich ein wenig von dieser Idee, getragen zu sein. Dann bin ich immer wieder sehr glücklich, Yoga für mich entdeckt zu haben und vermitteln zu dürfen.

 Namaste!
(Das Wissen/Licht in mir sieht und achtet das Wissen/Licht in Dir)!